Leonard Susskind, Warum Bewusstsein nicht im Gehirn ist
Einer der führenden theoretischen Physiker unserer Zeit, Leonard Susskind von der Universität Stanford, hat sich in einer Reihe von Podcasts zu zentralen Themen der modernen Physik, Kosmologie und Realität geäußert, darunter auch zum Verhältnis von Bewusstsein und Gehirn und der Wesensnatur des Bewusstseins.
Auf der Grundlage einer mehr als fünfzigjähriger Auseinandersetzung des Physikers mit nahezu allen fundamentalen Fragen der Wirklichkeit gelangte er zu neuen und zum Teil provozierenden Auffassungen, so z. B. zu der These, dass unser Bewusstsein nicht in unseren Gehirnen zu finden ist.
Abb. 1 Leonard Susskind an der Stanford University (2013)
1. Eine gängige Definition des Begriffs ‚Bewusstsein‘
„Lassen Sie mich Ihnen eine Frage stellen: Wo ist Ihr Bewusstsein? Offensichtlich in Ihrem Gehirn. Richtig? Falsch! Bewusstsein ist nicht in Ihrem Gehirn. Nicht an irgendeinem Ort, nicht in den Neuronen oder Synapsen oder in elektrischer Aktivität. Ich werde Ihnen genau beweisen ,warum die Idee, dass Bewusstsein vom Gehirn erzeugt wird, abwegig ist.
Sie haben wahrscheinlich gelernt, dass das Gehirn der Sitz des Bewusstseins ist, dass Gedanken, Gefühle und Erfahrungen durch neuronale Aktivitäten erzeugt werden, dass Bewusstsein aus der komplexen Verarbeitung von Informationen in Milliarden von Neuronen emergiert.
Das ist die vorherrschende Sicht in den Neurowissenschaften, der Populärwissenschaft und der materialistischen Philosophie. Aber diese Auffassung basiert auf einer Begriffsverwirrung und einem fundamentalen Kategorienfehler, der den gesamten Ansatz ungültig macht.„
2. Grundlegende Kritik an der herkömmlichen Definition von
Bewusstsein
„Bewusstsein und physische Gehirnzustände sind fundamental verschieden. Das eine ist subjektiv, persönlich und beruht auf Erfahrung, das andere ist objektiv, öffentlich zugänglich und physisch. Man kann das eine [Bewusstsein, d.V.] nicht aus dem anderen ableiten, das eine nicht auf das andere reduzieren. Es sind unterschiedliche ontologische Kategorien.
Wenn man das Bewusstsein als ein Produkt des Gehirns behandelt, so ist das, als wenn man fragt welche Farbe Gerechtigkeit hat oder wieviel Demokratie wiegt. Die Frage selbst ist abstrus. Nachdem ich über fünfzig Jahre auf dem Gebiet der Physik, der Quantenmechanik und den Grundlagen der der Realität gearbeitet habe, kann ich Ihnen sagen, dass es sich bei Bewusstsein um das tiefste, ungelöste Problem der gesamten Wissenschaft handelt, nicht, weil wir nicht genug Fakten über das Gehirn besitzen, nicht , weil unsere Instrumente nicht empfindlich genug sind, sondern, weil wir die falschen Fragen stellen, den völlig falschen konzeptionellen Bezugsrahmen verwenden und Annahmen treffen, die physisch lokalisierbar sind und in physischen Begriffen erklärt werden können. Bewusstsein ist die die Grundlage der Erfahrung selbst, die Vorbedingung für die Erlangung von Wissen überhaupt einschließlich des Wissens über das Gehirn.„
3. Methoden und Ergebnisse der Analyse des Gehirns durch die
Neurowissenschaften
„Lassen Sie uns damit beginnen, was wir tatsächlich beobachten, wenn Neurowissenschaftler das Gehirn untersuchen. Sie sehen elektrische Aktivität, neuronale Feuerungsmuster [„spezifische Sequenzen elektrischer Impulse, freigesetzt von Neuronen als Reaktion auf Reize“],1 chemische Signale zwischen Zellen, Veränderungen des Blutflusses in unterschiedlichen Regionen des Gehirns.
Dies sind alles messbare, und von außerhalb beobachtbare physische Prozesse. Man kann Gehirnaktivität mit Elektroden, mit MRT Geräten, mit EEG Sensoren und mit Computer Tomographie aufzeichnen.
„Man kann sehen, welche Regionen des Gehirns bei unterschiedlichen Aufgaben betätigt werden, welche Neuronen feuern, wenn jemand die Farbe Rot sieht oder Schmerz fühlt oder eine Entscheidung trifft oder eine Erinnerung abruft. Da gibt es Korrelationen, absolut unbestreitbare Korrelationen. Bestimmte Regionen des Gehirns korrespondieren zuverlässlich mit bestimmten mentalen Zuständen.
Abb. 2 Die verschiedenen Anteile der Großhirnrinde übernehmen ganz unterschiedliche Funktionen
Verletzt man bestimmte Gehirnregionen, dann verliert man bestimmte Fähigkeiten. Stimuliert man andere Bereiche mit Elektroden, dann macht man bestimmte Erfahrungen. Die Korrelationen sind real und reproduzierbar.
Aber hier ist der entscheidende Punkt, den fast jeder übersieht: Korrelation ist nicht Identität. Nur, weil Gehirnzustand X immer zusammen mit Erfahrung Y auftritt heißt dies nicht, dass Y mit X identisch ist. Das ist grundlegende Logik,„
4. Analogie zwischen einem Radio und dem Bewusstsein
„Jedesmal, wenn Sie Musik in einem Radio hören, befindet sich das Radio in einem spezifischen physikalischen Zustand. Elektronen, die in präzisen Mustern in Schaltkreisen fließen, elektromagnetische Wellen, die empfangen und dekodiert werden, Transistoren, die ein- und ausschalten.
Der physikalische Zustand des Radios korreliert vollkommen mit der Musik, die Sie hören. Jede Note, jede Melodie, jedes Lied. Es korrespondiert mit einem eindeutigen Zustand des Radios.
Aber das Radio erzeugt die Musik nicht. Es produziert die Musik nicht. Es empfängt sie, es dekodiert sie, es wandelt sie um aus einer Form elektromagnetischer Wellen in eine andere Form: Schallwellen. Die Musik existiert unabhängig. Das Radio ist bloß die Schnittstelle zwischen der Sendung und Ihren Ohren.
Vielleicht ist das Gehirn ähnlich. Vielleicht existiert das Bewusstsein unabhängig und das Gehirn ist ein Interface , ein Empfänger2, ein Wandler, der bewusste Erfahrung in physisches Verhalten konvertiert und körperliche Sinneswahrnehmung in bewusste Wahrnehmung.
Das würde alle Korrelationen perfekt erklären. Beschädigen Sie das Radio und die Musik wird verzerrt. Aber das heißt nicht, dass das Radio die Musik erzeugt. Es bedeutet, dass das Radio notwendig ist, damit Sie auf Musik in ihrem Umfeld zugreifen können.
Beschädigen Sie das Gehirn und das Bewusstsein wird verzerrt oder verliert seine Verbindung zum Körper. Aber dies bedeutet nicht, dass das Gehirn das Bewusstsein hervorruft. Es bedeutet, dass das Gehirn notwendig ist, damit das Bewusstsein sich in physischem Verhalten manifestieren kann, um mit der physischen Welt zu interagieren.
Nun denken wir, aber wir wissen, dass das Gehirn für das Bewusstsein notwendig ist. Menschen im Koma haben geschädigte Gehirne und scheinbar kein Bewusstsein. Hirntod bedeutet, dass das Bewusstsein weg ist. Anästhesie wirkt direkte auf das Gehirn und macht Menschen bewusstlos.
Beweist das nicht, dass das Gehirn Bewusstsein erzeugt? Nein. Es beweist, dass das Gehirn notwendig ist, damit Bewusstsein sich auf eine Weise manifestieren kann, die wir nachweisen können., notwendig für das Bewusstsein, um den Körper zu kontrollieren, um Sprache, Verhalten und Reaktionen zu realisieren.
Aber notwendig ist nicht hinreichend. Das Radio ist notwendig, um Radiosendungen zu hören, aber es ist nicht hinreichend. Es muss auch ein Sendesignal geben. Das Radio erzeugt das Signal nicht. Es empfängt es.
Auf ähnliche Weise ist das Gehirn vielleicht für das Bewusstsein notwendig, aber nicht hinreichend. Vielleicht benötigt das Bewusstsein ein funktionierendes Gehirn, um mit der physischen Welt in Kontakt zu treten. Aber vielleicht existiert das Bewusstsein unabhängig. Vielleicht ist es primär, nicht abgeleitet.
Lassen Sie mich Ihnen das nennen, was Philosophen als das ‚schwierige Problem des Bewusstseins‚ bezeichnen:.Es wurde am klarsten im den 1990er Jahren von dem Philosophen David Chalmers formuliert, doch man kannte es bereits seit Jahrhunderten.“3
5. Das ‚harte Problem des Bewusstseins‘ und die
Erkenntnissgrenzen der Neurowissenschaft
„Das harte Problem des Bewusstseins lautet folgendermaßen. Warum gibt es so etwas wie Bewusstsein? Warum erzeugt Informationsverarbeitung im Gehirn subjektive Erfahrung?
Man kann sich im Prinzip einen philosophischen Zombie vorstellen, ein Wesen, das Information genauso verarbeitet wie Sie, dieselbe neuronale Architektur besitzt, auf Reize identisch reagiert, spricht, handelt, Entscheidungen trifft, aber keine wie auch immer geartete innere Erfahrung besitzt. Keine Qualia, kein phänomenales Bewusstsein [i.e. kein subjektives Erleben mentaler Zustände, also kein „Wie-es-sich-anfühlt“, etwas zu erleben, d. V.], lediglich leere Informationsverarbeitung, innere Dunkelheit, ein biologischer Roboter, bei dem niemand zu Hause ist.
Warum sind wir keine Zombies? Worum geht es bei bestimmten physischen Prozessen, dass sie etwas bewusst machen und nicht nur mechanisch? Die Neurowissenschaften haben keine Antwort auf diese Frage. Sie können noch nicht einmal einen kohärenten Ansatz formulieren, um sie zu stellen. Die Neurowissenschaften können Ihnen sagen, welche Gehirnregionen mit dem Bewusstsein korrelieren.
Sie können neuronale Korrelate in exquisiter Detailgenauigkeit abbilden. Sie können mit zunehmender Genauigkeit voraussagen, welche Stimuli welche Erfahrungen erzeugen. Sie können Ihre Gehirnaktivität während Träumen zeigen, während Entscheidungen, während Wahrnehmungen, aber sie können nicht erklären, warum irgendein physischer Prozess überhaupt Erfahrungen hervorbringt.
Sie können die Erklärungslücke zwischen objektiven physischen Beschreibungen, dem Feuern der Neuronen, und subjektiver erfahrungsbezogener Realität, des ‚Wie-es-sich-anfühlt‘, nicht überbrücken. Das ist kein vorübergehendes Problem, das auf [die Erfindung, d.V.] besserer Instrumente oder eine vollständigere Theorie wartet. Es ist ein fundamentales begriffliches Problem:
Man kann subjektive Erfahrung nicht von objektiven physischen Beschreibungen ableiten, denn es handelt sich um unterschiedliche logische Kategorien, unterschiedliche Arten von Fakten über das Universum.
6. Ein Gedankenexperiment
Hier folgt eine andere Möglichkeit dies klar zu erkennen. Stellen Sie sich vor eine zukünftige Neurowissenschaft vor, die vollständig und perfekt ist. Wir wissen alles über das Gehirn, jedes Neuron, jede Synapse, jeden chemischen Rezeptor, jedes elektrisches Signal, jede molekulare Wechselwirkung. Wir können mit vollkommener Genauigkeit voraussagen welcher Gehirnzustand welche Verhaltensweisen und mündliche Berichte erzeugt. Wir können die gesamte kausale Kette von den sensorischen Eingaben über neuronale Verarbeitung bis hin zu dem Output eines Verhaltens verstehen. Wir verfügen über eine vollständige Physik und Chemie des Gehirns. Jeder Mechanismus abgebildet, jede Verbindung verstanden.
Haben wir dann das Bewusstsein erklärt? Haben wir erklärt, warum es so etwas wie Rot sehen oder Schmerz fühlen gibt? Nein, wir haben die physischen Korrelate des Bewusstseins erklärt, die Mechanismen, durch die Bewusstsein mit dem physischen Körper in Kontakt tritt, den neuronalen Prozess, der mit bewussten Zuständen korreliert.
Aber wir haben nicht erklärt, warum diese Mechanismen von subjektiver Erfahrung begleitet wird, warum es so etwas wie diese Gehirnzustände gibt und nicht einfach überhaupt nichts. Das harte Problem [des Bewusstseins, d. V.] bleibt völlig unberührt. Das sagt uns etwas sehr Wesentliches.. Bewusstsein ist nicht die Art von Sache, die durch die Abbildung physischer Mechanismen erklärt werden kann. Es ist etwas völlig anderes.
7. Die Leugnung des ‚harten Problems‘ durch den eliminativen
Materialismus
„Einige Neurowissenschaftler und Philosophen bestreiten, dass es überhaupt ein hartes Problem gibt. Sie sagen, dass Bewusstsein nichts anderes als Informationsverarbeitung ist. Wenn Sie die Farbe rot sehen, so bedeutet dies nur, dass bestimmte Neuronen in bestimmten Mustern feuern. Es gibt kein zusätzliches Geheimnis jenseits der neuronalen Aktivität. Kein hartes Problem
Diese Auffassung nennt man eliminativen Materialismus oder Illusionismus. Er behauptet, dass bewusste Erfahrung eine Illusion ist. Es gibt nichts in Bezug auf das Bewusstsein außer den physischen Gehirnprozessen, die wir messen können. Wenn Sie glauuben, dass Sie eine subjektive Erfahrung machen, täuschen sie sich. Es gibt nur neuronale Berechnung, sonst nichts. Diese Position ist absurd, wenn man sie sorgfältig untersucht.„
8. „Ich denke, also bin ich“
„Eine Sache wissen wir mitr Sicherheit, dass wir bewusste Erfahrungen haben. „Es gibt etwas, wie es sich anfühlt, Rot zu sehen oder Schmerz zu fühlen oder einen Gedanken zu denken. Das ist die unbestreitbarste Tatsache unserer Existenz. Sicherer als die Existenz der externen Welt, sicherer als die Gesetze der Physik, sicherer als die Existenz anderer mit Geist ausgestatteter Wesen.
Descartes hat dies genau richtig getroffen. Ich denke, also bin ich. Ich mache Erfahrung, also existiere ich. Sie können alles andere bezweifeln. Sie können Ihre Erinnerungen bezweifeln, Ihre Wahrnehmungen, ob sie in der Matrix sind, ob ihr Gehirn in einem Tank ist, aber Sie können nicht Ihr eigenes Bewusstsein bezweifeln, Ihre eigene Erfahrung genau jetzt. Deshalb lösen Theorien, die bezweifeln, dass das Bewusstsein existiert, nicht das Problem. Sie leugnen die Fakten. Sie leugen die einzige Tatsache, die wir sicher wissen. Das ist nicht Wissenschaft. Dos ist dogmatisch. Das ist …“
9. Die Rolle des Bewusstseins in der Quantenmechanik
„Lassen Sie mich Ihnen jetzt über die Quantenmechanik berichten, denn da wird es echt interessant, zutiefst fremdartig. In der Quantenmechanik spielt das Bewusstsein eine rätselhafte Rolle, über die Physiker ungefähr ein Jahrhundert diskutiert haben. Das Messproblem. Bevor Sie ein Quantensystem messen existiert es in einer Superposition. Multiple Zustände. Ein Elektron kann gleichzeitig Spin up sein und Spin down. Ein Photon kann sich [gleichzeitig, d. V.] an multiplen Orten aufhalten. Schrödingers Katze ist [gleichzeitig, d. V.] sowohl lebendig als auch tot. Das ist keine Unwissenheit darüber in welchem Zustand sie wirklich ist. Das System hat wirklich keinen definitiven Zustand. Es befindet sich in allen möglichen Zuständen gleichzeitig mit unterschiedlichen [Wahrscheinlichkeit, d. V.] Amplituden.
Dann führen Sie eine Messung durch. Plötzlich kollabiert die Wellenfunktion. Die Superposition verschwindet. Das System wird eindeutig. Nimmt einen spezifischen Wert an. Das Elektron ist Spin up. Das Photon ist an diesem Ort. Die Katze lebt. Doch was zählt als Messung? Was verursacht einen Kollaps? Das ist das Messproblem und nach einem Jahrhundert ist es ungelöst. Die Standard Lehrbuch Antwort lautet, dass eine Beobachtung durch einen bewussten Beobachter den Kollaps verursacht. Sie schauen auf das Quantensystem, die Wellenfunktion kollabiert.
Doch dies wirft tiefgreifende, beunruhigende Fragen auf. Verursacht Bewusstsein einen physikalischen Kollaps? Ist Bewusstsein irgendwie besonders, anders als andere physikalische Prozesse, die erforderlich sind, damit die Quantenmechanik richtig funktioniert? Die meisten Physiker fühlen sich damit sehr unwohl. Sie wollen das Bewusstsein aus der fundamentalen Physik entfernen. Sie versuchen zu sagen, dass Messung nur Interaktion mit einem makroskopischen Apparat, einem Detektor, einem Aufzeichnungsgerät ist, Bewusstsein ist überhaupt nicht erforderlich. Aber das löst eigentlich nichts. Es schiebt das Problem nur eine Ebene nach hinten.
Was macht einen Apparat makroskopisch? Warum gelten manche physikalischen Wechselwirkungen als Messungen und führen zum Kollaps, während andere dies nicht tun? Ein einzelnes Atom, das mit einem Elektron wechselwirkt, verursacht keinen Kollaps, aber eine Billionen Atome, aber eine Billion Atome, die als Detektor angeordnet sind, tut es. Warum? Wo ist die Grenze? Am Ende hat man völlig willkürliche Unterscheidungen, die keine physikalische Grundlage haben, oder man akzeptiert die Viele-Welten-Interpretation.
Nicht jede Messung kollabiert die Wellenfunktion. Vielmehr spaltet sich das Universum. Alle möglichen Ergebnisse [einer Messung, d.V.] treten in verschiedenen Zweigen auf. Das Elektron ist Spin up in einem Universum und Spin down in einem anderen. Die Katze lebt in einem Zweig und stirbt in einem anderen. Kein Kollaps keine besondere Rolle für das Bewusstsein. Problem gelöst. Außer, dass es nicht wirklich so ist.
Denn das Bewusstsein spielt auch in vielen Welten noch eine entscheidende Rolle. Jeder bewuste Beobachter erlebt nur einen Zweig, nur ein Ergebnis. Warum? Wie wählt das Bewusstsein aus, welchen Zweig man erlebt? Warum sieht man, das die Katze lebt und nicht vielmehr, dass sie tot ist?
Die Viele-Welt Interpretation beseitigt nicht die Rolle des Bewusstseins. Sie vervielfacht sie über unendliche Zweige. Und man muss immer noch erklären, warum der Strom des Bewusstseins einem Zweig folgt und nicht vielmehr die Superposition erlebt oder alle Zweige gleichzeitig. Das Messproblem wird zu einem Problem der Distribution des Bewusstseins. Immer noch ungelöst.
10. Die idealistische und die panpsychistische Erklärung
Einige Physiker, darunter einige sehr respektierte und seriöse Leute, haben voirgeschlagen, dass das Bewusstsein fundamental ist, nicht erzeugt durch Materie, sondern ein grundlegendes Merkmal der Realität, neben Masse, Ladung und Spin. Bewusstsein emergiert nicht aus komplexen physikalischen Systemen. Nach dieser Auffassung sind physikalische Systeme vielmehr Manifestationen oder Korrelate des Bewusstseins. Diese Auffasung nennt man Idealismus oder Panpsychismus, abhängig von der jeweiligen spezifischen Formulierung. Philosophen haben diese Sichtweise seit Jahrtausenden vertreten.
Berkeley, Leibnitz, Schopenhauer, Whitehead und es löst das harte Problem sofort. Und es ist nicht nötig zu erklären, wie Bewusstsein aus Materie entsteht, weil dies nicht passiert. Materie und Bewustsein sind zwei Aspekte derselben zugrunde liegenden Realität. Oder das Bewusstsein ist primär und Materie ist Erscheinung innerhalb des Bewusstseins. Oder jedes physische System besitzt einen entsprechenden inneren Aspekt, das sein Bewusstsein ist.
Das klingt für moderne Materialisten verrückt, die darauf trainiert wurden zu glauben, dass Materie alles ist, was existiert. Aber es ist offensichtlich nicht falsch. Tatsächlich, wenn man gründlich nachdenkt, könnte es die einzige kohärente Position sein. Denken Sie darüber nach, was wir tatsächlich mit Sicherheit wissen.
Wir wissen, dass wir bewusste Erfahrungen, Gedanken, Wahrnehmungen, Gefühle, Qualia haben, das ist absolut sicher, unbestreitbar. Alles andere ist Schlussfolgerung. Wir schließen aus unseren Erfahrungen auf die Existenz einer äußeren physischen Welt.
Wir schließen aus dem Verhalten, das wir beobachten, auf die Existenz anderer bewusster Wesen. Wir schließen aus experimentellen Ergebnissen und mathematischen Modellen auf die Gesetze der Physik. Aber all diese Schlussfolgerung basieren auf bewusster Erfahrung. Bewusstsein ist das Fundament, das unverrückbare Fundament, der Ausgangspunkt allen Wissens. Alles andere wird daraus konstruiert. Vielleicht ist Bewusstsein primär und die physische Welt sekundär, ein vom Bewusstsein konstruiertes Modell, ein Erscheinungsbild innerhalb des Bewusstseins, nicht umgekehrt. Die Quantenmechanik scheint darauf hinzuweisen. Der Beobachter spielt eine unbestreitbare fundamentale Rolle. Man kann den Beobachter aus der Quantentheorie nicht entfernen. Die Realität auf der Quantenebene scheint von Beobachtung, von Messung, in einem tiefen Sinn vom Bewusstsein abzuhängen.
Das bedeutet nun nicht, dass das Bewusstsein die Realität auf eine naive, magische Weise erschafft. Man kann Dinge nicht herbeiwünschen. Man kann die Vergangenheit nicht ändern, indem man darüber nachdenkt. Aber es könnte bedeuten, dass die Realität, wie wir sie kennen, wie wir sie kennen können, wie wir sie wissenschaftlich formulieren können, Bewusstsein erfordert, dass es ohne Beobachter, ohne Messung keine feste Welt gibt, sondern nur Quanten Potentialität, abstrakte Wellenfunktionen, mathematische Überlagerungen. Die Realität kristallisiert und wird erst in der Gegenwart von Beobachtung, nur in Bezug auf Bewusstsein, bestimmt.
11. Das Bindungsproblem
Lassen Sie mich Ihnen von einem weiteren tiefen Rätsel erzählen, das die Neurowissenschaft nicht lösen kann. Das Bindungsproblem. Wenn Sie einen roten Apfel sehen, haben Sie eine einheitliche Erfahrung. Sie sehen Rot, Rundheit, Apfeligkeit, Glanz – alles zusammengebunden und in einer einzigen kohärenten bewussten Wahrnehmung eines Apfels integriert. Aber in Ihrem Gehirn werden diese unterschiedlichen Merkmale in völlig verschiedenen Regionen verarbeitet, die nicht direkt miteinander kommunizieren. Farbe wird im Bereich V4 im visuellen Kortex verarbeitet, Form wird in verschiedenen Bereichen verarbeitet. Die Objekterkennung findet im Temporallappen statt. Bewegung wird im Bereich V5 verarbeitet. Diese Regionen sind anatomisch weit voneinander entfernt. Die Neuronen, die Farbe verarbeiten, interagieren niemals physisch mit den Neuronen, die Form verarbeiten. Sie befinden sich in unterschiedlichen Teilen des Gehirns und senden Signale über separate Wege.
Also, wie hat man eine einheitliche Erfahrung? Wie werden diese völlig getrennten, parallel verteilten Prozesse zu einer einzigen bewussten Wahrnehmung zusammengebunden? Dies wird das Bindungsproblem genannt. Und trotz jahrzehntelanger Forschung hat die Neurowissenschaft keine Antwort, keinen Mechanismus, keine Theorie, gar nichts. Das Problem ist, dass das Bewusstsein grundsätzlich einheitlich ist.
Sie haben eine Erfahrung nach der anderen, einen Bewusstseinsstrom, ein phänomenales Feld, ein Selbst, ein einheitliches Bewusstsein. Aber das Gehirn ist massiv modular, verteilt über Milliarden verschiedener Regionen, die unterschiedliche Aspekte unabhängig parallel verarbeiten. Es gibt keinen zentralen Ort, an dem alles zusammenkommt. Kein kartesisches Theater, in dem alle Informationen einem einzigen Beobachter präsentiert werden.
Es gibt kein übergeordnetes Neuron oder besonderes Gehirnareal, das Eingaben von überall empfängt und das einheitliche Erlebnis schafft. Wir haben gesucht. Es ist nicht vorhanden. Die anatomische und funktionelle Organisation des Gehirns liefert keine Grundlage für Einheit. Dennoch ist Einheit das offensichtlichste Merkmal des Bewusstseins. Dieses tiefgreifende Missverhältnis sagt etwas Wichtiges aus.Bewusstsein wird nicht durch die rechnerische Architektur des Gehirns erzeugt. Es ist etwas Einheitliches, mit dem das Gehirn interagiert. Das Gehirn verarbeitet Informationen auf verteilte, modulare und parallele Weise.
Aber das Bewusstsein empfängt das Ergebnis all dieser Verarbeitung als ein einheitliches, integriertes Ganzes von irgendwo anders, von außerhalb der physischen Struktur des Gehirns oder aus einer Dimension der Realität, die den physischen Raum transzendiert.
12. Meine persönliche Auffassung über die Natur des
Bewusstseins
a) Bewusstsein ist nicht rein physikalisch
Nach 50 Jahren des Studiums der tiefsten Fragen der Physik bin ich überzeugt, dass Bewusstsein grundsätzlich nicht rein physikalisch erklärt werden kann. Nicht, dass uns derzeit die richtige physikalische Theorie fehlt, sondern dass physikalische Theorien ihrer Natur nach das Bewusstsein nicht behandeln können und die Frage nicht einmal richtig formulieren können. Die Physik beschäftigt sich mit objektiv messbaren Größen. Masse, Energie, Impuls, Ladung, Feldstärke.
Dies sind alles Beschreibungen in der dritten Person, Messungen von außerhalb des Systems. Aber Bewusstsein ist unvermeidlich in der ersten Person, subjektiv, erfahrbar, von innen bekannt. Man kann subjektive Erfahrung nicht in objektiven quantitativen Begriffen erfassen. Man kann die Perspektive der ersten Person nicht auf Messungen der dritten Person reduzieren. Sie sind nicht vergleichbar, verschiedene Wissensarten, verschiedene Zugangsweisen zur Realität.
b) Die Notwendigkeit eines neuen Erklärungsrahmens
Das bedeutet nicht, dass Bewusstsein übernatürlich, mystisch oder unwissenschaftlich ist. Es bedeutet, dass unser derzeitiger wissenschaftlicher Rahmen radikal unvollständig ist. Die Physik, wie sie derzeit verstanden wird, befasst sich nur mit objektiver Struktur. Sie kann subjektive Erfahrungen nicht erklären. Wir brauchen einen neuen Rahmen, einen, der sowohl physische als auch mentale Aspekte als grundlegende Bestandteile der Realität einbezieht, und nicht einen, der aus dem anderen abgeleitet ist.
Beide primär, beide nicht reduzierbar. Dies wird je nach Formulierung neutraler Monismus oder Dual-Aspekt-Theorie genannt. Die Idee, dass die Realität sowohl physische als auch mentale Aspekte hat, die jeweils nicht auf den anderen reduzierbar sind, beide aus einer tieferen zugrunde liegenden Einheit entstehen, die wir noch nicht verstehen.
c) Das Bewusstseinsfeld
Hier ist, was ich nach jahrzehntelangem Grübeln über diese Fragen glaube. Bewusstsein wird nicht vom Gehirn erzeugt. Das Gehirn ist ein physisches System, das Informationen verarbeitet.
Bewusstsein ist etwas ganz anderes, etwas, das die physische und mentale Unterscheidung, wie wir sie derzeit verstehen, übersteigt. Das Gehirn und das Bewusstsein interagieren offensichtlich und eng miteinander. Das Gehirn liefert durch sensorische Verarbeitung Eingaben an das Bewusstsein. Das Bewusstsein lenkt das Verhalten des Gehirns durch Absicht und Willen, aber sie sind verschieden, getrennt. Das Gehirn existiert in Raum und Zeit. Bewusstsein nicht oder nicht auf die gleiche Weise.
Bewusstsein ist nicht oder nicht auf dieselbe Weise. Bewusstsein ist der Raum, in dem Erfahrung stattfindet. Das Feld des Bewusstseins,[ vgl. auch 7.2.7] in dem alle Inhalte des Geistes erscheinen. Es befindet sich nicht an einem bestimmten Ort, wird von keinem Mechanismus erzeugt. Es ist grundlegend, primär, das Fundament des Seins selbst, die grundlegendste Tatsache der Existenz. Diese Sichtweise hat überwältigende Implikationen. Sie bedeutet, dass du nicht dein Gehirn bist. Das Gehirn ist ein Objekt, das in deinem Bewusstsein erscheint.
d) Ist der Tod des Gehirns auch der Tod des Bewusstseins?
Etwas, dessen Sie sich bewusst sein können sind Sie nicht identisch mit. Sie sind das Bewusstsein selbst. Das Bewusstsein, in dem Gehirn, Körper und die gesamte Welt erscheinen. Wenn das Gehirn stirbt, wenn die neuronale Aktivität aufhört, endet das Bewusstsein nicht unbedingt. Es könnte weitergehen, sich verwandeln, zur Quelle zurückkehren, wieder in das universelle Bewusstsein verschmelzen. Wir wissen es nicht, wissen aus einem materialistischen Rahmen, der annimmt, dass Bewusstsein von Gehirnen erzeugt wird.
Aber wenn Bewusstsein grundlegend und nicht abgeleitet ist, dann erfordert der Tod des Gehirns logisch nicht den Tod des Bewusstseins.
e) Zusammenfassung
Also forderen Sie das nächste Mal, wenn Ihnen jemand selbstsicher sagt, dass Bewusstsein in Ihrem Gehirn durch Neuronen entsteht, die aus rechnerischer Komplexität hervorgehen, heraus. Bitte Sie Ihn , das harte Problem zu erklären. Frage sie, wie subjektive Erfahrung aus objektiven physischen Prozessen entsteht. Fragen Sie, wie es sich anfühlt bewusst zu sein und nicht vielmehr nichts [unbewusst, d.V., ein Zombie, d.V.]
Frag Sie nach dem Bindungsproblem, wie Einheit aus Modularität entsteht. Frag Sie, wo genau das Bewusstsein im Gehirn lokalisiert ist, welche speziellen Neuronen, Regionen oder Schaltkreise. Sie werden keine Antworten erhalten. Nicht weil die Neurowissenschaften nicht genug Fortschritte gemacht haben, sondern weil dies keine neurowissenschaftlichen Fragen sind.
Es sind Fragen über die fundamentale Natur der Wirtklichkeit, über die Beziehung zwsischen Geist und Materie, über was existiert. Und diese Fragen könnten von uns verlangen, unsere Weltanschauung vollständig zu überarbeiten, um das Bewusstsein als Grundlage zu setzen, anstatt es als Nebenprodukt zu behandeln.
Bewusstsein ist nicht in deinem Gehirn. Es ist an keinem physischen Ort. Es ist das Feld Érekenntnis selbst, das Licht der Erfahrung, das, was du grundsätzlich bist. Nicht etwas, das du hast oder etwas, das von deinem Körper produziert wird, sondern der Boden, in dem dein Körper und Gehirn und die ganze Realität sich zeigen. Dies zu verstehen, verändert alles. Wie du dich selbst, den Tod und die Realität siehst. Bewusstsein ist kein Problem, das die Neurowissenschaft irgendwann lösen wird. Es ist das tiefste Geheimnis, das Fundament der Existenz. Und nicht noch so viele Kartierungen des Gehirns werden es jemals erklären können.“4
- Artikel „Neurons that fire together wire together“, in WMC Rheinland, Copyright 2012 – 2019, [Digitale Ausgabe], URL: https://systemische-fortbildung.de/neurons-fire/ ↩︎
- vgl. Douglas C Youvan, „Beyond the Brain: Exploring Receiver-Based Theories of Consciousness within Scientific Frameworks“, August 2024, [Digitale Ausgabe], URL: https://www.researchgate.net/publication/383303612_Beyond_the_Brain_Exploring_Receiver-Based_Theories_of_Consciousness_within_Scientific_Frameworks ↩︎
- Hedda Hassel Mörsch, Wie kommt der Geist in die Natur? Aus dem Englischen von Matthias Rugel, in Frankfurter Allgemeine, 24.01.2018, [Digitale Ausgabe], URL: https://www.faz.net/aktuell/wissen/geist-soziales/eine-loesung-fuer-das-harte-problem-des-bewusstseins-15397757.html ↩︎
- Leonard Susskind, „Why Consciousness ist not in your brain“, in: The Susskind Universe Exyplained, (Transcript v. V.), [Digitale Ausgabe]. URL: https://www.youtube.com/watch?v=F7LTV5KCucks ↩︎
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